Eisgekühlter Bommerlunder!

Eisgekühlter Bommerlunder!

 

Yangon, 6.12.2014; 18.30 Uhr.

Ein leuchtend roter Vollmond geht hinter der Bühne am Kandawgyi-See auf, auf der die birmanische Punk-Band No-U-Turn bereits mit ihrem Auftritt begonnen hat. Der Platz beginnt sich zu füllen – viele deutsche Traveller sind unter den Besuchern; Fans der Toten Hosen, die hier heute Abend als erste westliche Band überhaupt in Myanmar auftreten.

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Die einen haben Glück, dass das Konzert mit ihrer Reise zusammenfällt, andere sind eigens angereist; ich spreche mit Fans aus Deutschland, Singapur und Shanghai. Dazwischen Botschaftsangehörige (die Deutsche Botschaft veranstaltet dieses Konzert anlässlich der 60 Jahre deutsch-birmanischer Beziehungen); adrett gekleidete junge birmanische Pärchen, eine enge Kette von Sicherheitsleuten vor der Bühne, die lokale Expat-Szene (ich treffe meinen Autorenkollegen Martin), TV-Teams, und sogar ein paar rotgewandete Mönche. Die einheimischen Punks aus Yangon Downtown sehe ich noch nicht – doch dann höre ich sie. Unter lauten Schlachtgesängen zieht die kleine Horde mit Stachelfrisuren und Nietenjacken auf den Platz. Sie lassen sich nieder und pöbeln ein bisschen herum – vor allem Richtung Bühne. Mit einer Kindergitarre in der Hand fangen sie an, ihr eigenes Konzert zu geben.

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Yoe-Yoe, Sänger und Frontman von The Rebel Riot, hatte mir am Vortag erzählt, dass sie alle ein bisschen enttäuscht seien, nicht als Band zu diesem Event eingeladen worden zu sein. Nun machen sie ihrem Ärger Luft. Wilde Gesten, lautes Gebrüll; das sieht schon klasse aus und zieht auch gleich eine Menge Neugieriger an, und das Kamerablitzlichtgewitter geht los. Ich schaue mir das aus der Ferne an, denn ich muss heimlich lachen: Irgendwie erinnert mich das an meine Jugend, als wir in unserer Kleinstadt ein Punkertreffen hatten: „Saufen für den Frieden“. Die Jungs hatten damals Schilder aufgestellt: „Bitte nicht füttern“ – und die ganze Szenerie ähnelt sich sehr. Doch dann entdeckt mich Yoe-Yoe, kommt rüber und bittet mich in seinen Kreis; klar, nun ist auch für mich der Moment gekommen, irgend jemandem meine Kamera in die Hand zu drücken: „One foto for memory & friendship“.

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Wir hängen ein bisschen herum, ich gehe Bier holen, lasse mich treiben. Inzwischen spielt Side Effect; Myanmars wohl bekannteste Underground-Band, die auch in Deutschland schon mehrere Auftritte absolviert hat. Wirklich gut! – ich komme in Stimmung – und als nach einer Umbaupause endlich die Hosen auf die Bühne kommen, reißt es mich direkt nach vorne, ebenso wie Yoe-Yoe und seine Posse. Ich montiere den Blitz von der Kamera; eine weise Entscheidung, denn der wäre innerhalb von Sekunden abgebrochen (sorry, darum müsst ihr Euch mit verwackelten Bildern begnügen).

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Es geht nämlich sofort standesgemäß los. Schon während die ersten Akkorde aus den Boxen fetzen, schaffen es ein paar Punks, die Sicherheitskette zu durchbrechen und auf die Bühne zu stürmen. Einer kann bis zu Campino vordringen und wagt ein paar taumelnde Tanzschritte mit ihm. Um mich herum wird das Gerangel immer heftiger, und die Sicherheitsleute haben alle Hände voll zu tun. Yoe-Yoe brüllt mir ins Ohr: „Please make foto; I want to jump“; ich helfe ihm hoch, schon wird er von der tobenden Menge Richtung Bühne getragen ….

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… und auch wenn er es nicht ganz geschafft hat und auf seinen Stagedive verzichten musste; von unzähligen Hängen getragen direkt vor der Bühne zu schwimmen ist schon der Wahnsinn; und später, nach dem Konzert, als wir uns noch einen Schluck stark gärendes kaung ye teilen, ist er versöhnt: a great night. Campino beruhigt schließlich die Situation: Nachher könne man auf die Bühne kommen, nun würde die Band gerne erst mal ein paar Lieder spielen…. und das tut sie dann auch.

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An Tagen wie diesen jagt ein Höhepunkt den anderen. Ein Highlight für alle Beteiligten: No-U-Turn und Side Effect zusammen mit den Hosen auf der Bühne: „Yangon Calling“. Genau in diesem Moment wird hier Geschichte geschrieben! Ich bekomme eine Gänsehaut.

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Schließlich kommt auch noch Alex, und wir singen die alten Lieder, immer wieder, und bringen uns aus lauter Liebe um.

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LIEBE – brüllt Campino ein ums andere Mal ins Mikrofon – „this is all our songs are about“ – und erklärt dem einheimischen Publikum auch gleich, was es damit auf sich hat: Denn das Wort LIEBE gibt es auch im Birmanischen und bedeutet dort (ich habe mir das gerade extra noch mal bestätigen und übersetzen lassen) in etwa „F*ck you, son of a bitch!“. – Das ist Punk! – und wenn ich den Moderationen zuhöre, Campino zum Beispiel erzählt, wie man ihnen irgendwo am Zoll die Pornohefte weggenommen hat usw., dann weiss ich: Das hier ist eigentlich eine Rock-Show. – Doch es berührt mich wirklich, zieht mich immer tiefer rein in die Musik. Die Band spielt keine Lieder vor – sie feiert eine Party mit dem Publikum. Campino gibt Vollgas und reißt uns alle mit. Um mich herum tobt die Menge; ich bekomme Ellenbogen in die Rippen, Nietenarmbänder ins Gesicht, und meine Kamera ist nass von Schweiss und Bier, das Campino großzügig ins Publikum schüttet. Keine Chance, sie zu trocknen; inzwischen bin ich selbst klatschnass, wie alle um mich herum; wir schreien, singen, tanzen. Die Stimmung wirkt wohl zurück auf die Bühne: Plötzlich nimmt Campino Anlauf und hechtet aus vollem Spurt in das Meer emporgerissener Arme. Heute schont sich hier niemand; wir zelebrieren eine einzigartige Nacht.

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Das Konzert wird für mich endgültig zur Zeitreise, als während der Zugabe „Eisgekühlter Bommerlunder“ gespielt wird. Ich sehe mich als der, – nein, ich bin in diesem Augenblick wieder der, der ich vor wie vielen Jahren? – 25? – 30? – war; selbst eine schwarze Lederjacke tragend, mit einer Horde Punks pogend, besoffen von Apfelkorn und der Magie des Moments. Damals hatte ich keine Ahnung, was mal aus mir werden würde, und es war mir auch egal. Ich hatte das fast schon vergessen. Aber nun ist es wieder da.

Plötzlich spült mich eine Woge von Menschen an den Bühnenrand.

Und dann liegt er auf einmal direkt vor mir – dieser Titan; Gigant der deutschen Musikgeschichte, Held meiner Jugend, irgendwann auf Platz Nr. 65 unter den 300 größten Deutschen gewählt, Der Mit Dem Punk Tanzt, Der Von Der Kanzlerin Angerufen Wird; und singt, schreit, gröhlt sich die Seele aus dem Leib – und ich singe, schreie, gröhle all meine Träume und Hoffnungen in die Vollmondnacht hinaus; Emotionen, die sich damals wie heute schlicht in zwei einfachen Floskeln ausdrücken lassen: „ein belegtes Brot mit Schinken – SCHINKEN!“, und „ein belegtes Brot mit Ei ­– EI!“ – und meine brave Kamera weigert sich, diesen Moment in ein scharfes Foto zu bannen, so als wüsste sie, dass dieser Augenblick, inmitten des Tobens und des Lärm, eigentlich ein äußerst intimer ist, kaum festzuhalten in Wort und Bild; überraschend und unwirklich wie die plötzliche Stille im Auge des Taifuns. Wobei von Stille hier eigentlich keine Rede sein kann….

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Dann reißt es Campino wieder auf die Beine, und mich zurück in die Masse. Eine Zugabe jagt die andere; niemand will, dass der Abend zu Ende geht. Doch irgendwann ist auch der Stärkste am Ende seiner Kräfte angelangt.

Später, als alles vorbei ist und ich zuschaue, wie die Menge sich langsam zerstreut, begreife ich, dass ich an diesem Abend etwas Wichtiges gelernt habe. Zwei Dinge dürfen wir niemals vergessen:

Erstens: Fortuna Düsseldorf.

Zweitens: Wir wissen niemals, was morgen sein wird.

Was zählt, ist nur der Augenblick.

 

In diesem Sinne;

Passt auch Euch auf

und ganz viel LIEBE aus Myanmar!

MAQ

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7 Comments

  1. Peta says:

    Hey Markus,
    ich bin ja wahrlich kein Hosen Fan (also musikalisch gesehen 🙂 ) aber nach der Lektüre deines tollen Berichts bin ich mir sicher, dass meine Konzertaktivitäten an diesem Abend ganz genau so ausgesehen hätten.
    Ein wenig neidische Grüße aus Köln

    peta

  2. Mark Leurs says:

    Sehr geil!
    Sehr geil geschrieben!
    Was zählt ist nur der Augenblick.
    Wenn ich gewusst hätte, dass die da auftreten, wäre ich auch gekommen….
    Das wirst Du niemals vergessen…

  3. KALLEDTH says:

    RESPEKT,MARKUS ! DiE WAHRHEiT , NiCHTS ALS DiE WAHRHEiT ! EMPFAND DiESEN GEIlGENiALEN ABEND GENAUSO ! …WiR FEiERN HiER NE PARTY , UND iHR SEiD NiCHT DABEi…DANKE FüR DEN BERiCHT . VECEREMOS. YNWA

  4. kathi91 says:

    Waaaaaaahnsinn!!!

  5. Tina says:

    Man haette diesen Abend nicht besser beschreiben koennen. Super Show! Tolle Stimmung! Und Die Toten Hosen haben wirklich ALLES gegeben! Hut ab! Das Highlight des Jahres in Yangon 🙂

  6. peter Schmitt says:

    hey Markus
    Du hast das unbeschreibliche beschrieben
    Das ist nicht einfach
    Genau so war es!!!!!!
    Danke

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